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Rudolf Borchardt: Der leidenschaftliche Gärtner

Rudolf Borchardt (*1877) war Historiker und Dichter. Der vorliegende Band erschien 1951 posthum und enthält neben einer Geschichte des Gartens auch praktische Anleitungen zum Gartenbau. Der geschichtliche Teil ist unfassbar kenntnisreich und dicht geschrieben. „Die Menschheit stammt aus einem Garten. Das meiste, was ihr seit ihrem Ursprung zugestoßen ist, hängt mit Vorgängen zusammen, die sich als Gartenfrevel bezeichnen lassen, und zwar, tiefsinniger Weise, nicht als einfacher, sondern als doppelter. Die Verletzung der Gartenordnung durch philisterhaftes Aufessen von symbolischen Früchten führt automatisch zum noch bedenklicheren Mißbrauche schöner Vegetation für Werkstoff-Zwecke, nämlich für solche vergänglicher Kleidung. Mit der Kündigung des Gartengastrechts und dem Auszuge in die aus Acker und Kindbetten beginnt das normale Dasein […]“ (S.9.). Aus seiner Sicht bildet die sich wandelnde Gartenkultur stehts die Weltgeschichte ab. Der Text enthält viele Verweise und Anspielungen. Darin integriert ist auch eine Betrachtung der zur Entstehungszeit 1938 aktuellen Gartentrends. Er lässt sich darüber aus, dass Stauden aus der nordamerikanischen Steppe massenhaft an den Kunden gebracht werden, weil sie hart, wüchsig, unempfindlich gegen Winterkälte und Nässe sind. Was heute als Vorteil gilt, fasst er damit zusammen, dass diese Stauden allesamt „furchtbare Gestrüppe“ (S.75) seien. Heute sind Steppenpflanzugen dank des geringen Pflegeaufwandes und ihrer Beständigkeit gegen die Auswirkungen den Klimawandels ganz oben auf der Wunschlist vieler Gärtner.

Präriestauden wie Rudbeckia fulgida, Echinacea purpurea, Astern und Dianthus sind heute nicht mehr aus dem Garten wegzudenken. Hier Bilder aus dem öffentlichen Grün in Bad Dürrheim.

Im Kapitel über den neuen Garten beschreibt er, wie die unterschiedlichen Ansprüche verschiedener Plfanzen dazu führte, dass man mit Senken und Böschungen, die mit Stützmauern gesichert wurden, die dritte Dimension, nämlich die „Schiefe“ (S. 148) in den Garten holte. Der Gärtner lernt mit steigender Vielfalt von Pflanzen mit unterschiedlichen Standortansprüchen dazu (S:. 167). Das letzte Kapitel enthält praktische Tipps zur Bodenvorbereitung im eigenen Garten, zur Bodenkunde und unterschiedlichen Pflanzenstandorten. Das liest sich ziemlich modern. Das Kapitel ist auch als zeitgenössiches Dokument der Gartenanlage und -Pflege zu sehen. Nicht alle Arbeitsweisen haben sich durchgesetzt. Er empfiehlt zum Beispiel Brocken von Heideerde (S. 181) als Drainage tief in den Boden einzubauen. Das klingt kostspielig und zerstört das Abbaugebiet. Heute ist noch der Abbau von Torf aus den baltischen Mooren für Blumenerde und saures Substrat für Heidelbeeren und Rhododendren ein ökologisches Problem. Ein anderer Rat, nämlich die Verwendung von kompostiertem und halbverrotteten Laub als Mulchschicht auf Beeten soll die Wasservedunstung minimieren. (S. 182). Dieser Rat könnte dank der Auswirkungen des Klimawandels ein Revival feiern. Des weiteren enthält das praktische Kapitel eine Anleitung zur Herstellung von erde und Kompost sowie zum richtigen Düngen. Dabei warnt er vor überbordendem Stickstoffeinsatz (S. 187), weil die Pflanzen davon zu mastig werden und kränkeln können.

Der Autor versteht sich als Humanist und nicht als Gärtner. Die Pflanzen, die er im ersten Teil nennt, werden im zweiten beschrieben – zusammen mit ihren Standortansprüchen. Er bedauert, dass es keine Illustrationen im Text gibt, weil es nicht die passenden Zeichner gibt und Fotos das „Wesen der Blume“ nicht einfangen können.

Hier wird Gartenkultur mit Aspekten der Weltgeschichte und damals aktueller Entwicklungen verbunden und erklärt. Der historische Teil ist für Leser, die viel Zeit, Hintergrundwissen und etwas Muße mitbringen. Der praktische Teil ist ein interessantes zeitgeschichtliches Zeugnis. Im enzyklopädischen Teil werden viele „Blumen“, also Einjährige, Zweijährige, Zwiebeln und Stauden vorgestellt. Darunter sind viele, die heute nicht mehr in den Standardsortimenten vorkommen. Rudolf Borchard lebte ab 1933 in der Toskana, wo er auch gärtnerte.

Rudolf Borchardt: Der leidenschaftliche Gärtner. Berlin 2020: Matthes und Seitz. 334 Seiten. 12,00€.

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